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von Oswald Köberl
Der Achtziger macht nachdenklich
Am 14. Februar werde ich 80. Ein Wassermann. Darauf bin ich stolz. Irgendwann entdeckte ich: 5 Tage jünger als Thomas Bernhardt. Das klingt nicht schlecht, eine gewisse innere Ähnlichkeit ließe sich sogar zusammensuchen (wenn man will), nur ist bei Thomas B. mehr draus geworden. Hat aber auch Vorteile für mich...
Stolz wie in Pfau bin ich sowieso auf das, was sich um den Vierfach-Zwanziger tut.
Am 30. 1. eine Lesung um 11 Uhr vormittags im Grauen Bären, nostalgisch bis heiter, im Rahmen einer Turmbund-Matinee.
Am 4. Februar eine Vernissage von Graphiken im Turmbund, Müllerstraße 3. Um 19 Uhr.
Am 15. Februar, auch um 19 Uhr, Lesung und Ausstellung griechischer Aquarelle im Spiegelsaal des Palais Pfeiffersberg, Sillgasse....
Ein siebenminutenbuch
herbstlich
nicht mehr als eine schmale unterbrechung
und wirft sich über jahre ein weniges ein zuviel
über zeit ohne zahlenmaß versickert
verliert sich in den schluchten eines allerweltstages
ein zwiegespräch ohne antwort
allein gelassen von straßen die es eilig haben
minuten der suche ewig nach dir
zwischen bild und bild
zwischen schichten eisiger leere
und gefächerten strahlen
ich bin dir und es wird dunkel
auf der spur
dich verschweigt nichts
ich bin dir und es wird hell
immer noch auf der spur
Was ist aus dem wort aus dem anfang geworden
wie weit hast du wie weit zu dir selber
sag bist du dir verloren gegangen zu fern
als unbegrenzter dir selbst zu groß oder
ertrunken in uferloser unendlichkeit
suchst du zuflucht im erlöschen der sprache
wissen nur noch glocken von dir?
ist das wort als nebenbemerkung verströmt
in ein rauschen wie wasser und wind
ein ausgehöhlter slogan ein vergessener name
siebenfach verhallend und doch im versprechen
siebenfacher wiederkehr als gewordenes wort
an sprachlose not erinnert dich
der brandruf das aufbegehren einer glocke
aus der schallschale poltert rhythmus
versteh wir können nicht demütig fromm sein
es geht nicht um stille versunkenheit
von eremiten sondern um einen schmerzensschrei
um verletzung um leid um folter und blut
du namenloser du schlafender dem nichtsein
vielleicht entreißt dich die glocke
Oder erstürmen dich
gerade sie deren flucht ein angriff ist
auf deine einsamkeit jene vorposten
angelehnt dem felsen verschwistert
behausungen fern dem staubstau im atem von
holundergebüsch oder oliven und eukalyptus
ihre zellen aus dem honig der stille
näher sind sie dir fühlen sich näher
dir entgegen getürmt
der du bist im kreislauf der gebete
wann bietest du botschaft
den wächtern unhörbaren wortes
den beobachtungsstationen die
auf das schweigen gerichtet sind
auf das unsagbare das unverständlich wahre
das alle begriffe zerbricht
ich weiß die nacht sie vertraut dir
ihre hoffnungslose schwärze
löscht die grenzen der sinne
sie ist mein auslug
sehen nicht geschlossene augen mehr?
Auch wenn ich nicht von dir rede
wenn ich den stein benenne das gras
wenn ich das gespräch der hunde höre oder
mit dem nachtzug vor der gewohnheit flüchte
gilt das nichtreden dir
was flammenzungen übertrugen
bleibt relikt und ein verhallendes
brausen vom himmel
wieder schreiben wir in getrennten
nächten wartend umsonst
hätten wir den turm nicht gebaut
schreiben tausendfach dasselbe buch
vertauschen das maskenspiel und die leere
und haben uns selbst nicht mehr
auf das irren allein verlasse ich mich
in dem der weg zu dir sich verbirgt
wenn die mitte die peripherie umkreist
ein fließender wirbel
ein letzter ahnender sog
Ich bin ein Chaot. Das Wort hat heute politische Bedeutung erlangt, aber so meine ich es nicht. Nein, es geht um meine Begabung, ein unüberschaubares Durcheinander zu schaffen, und vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich mich von festen Formen angezogen fühle. Da habe ich etwas, woran ich mich orientieren, mich halten kann. Die Ordnung ist ein Faszinosum. Zur scheuen Verehrung dieses unerreichbaren Prinzips gehört das Entwirren und das Finden von Zusammenhängen. Den Gordischen Knoten würde ich daher nicht alexandrinisch lösen wollen. Ich liebe die Gewitter in den Gehirnwindungen mit ihren unerwarteten Blitzen, so daß ich zum Beispiel gerne Rätsel löse, Kriminalromane verschlinge und früher mit Begeisterung Schach gespielt habe.
Vor ähnlich knifflige Aufgaben stellen mich die alten Gedichtformen, ob sie nun in der Antike wurzeln oder in Renaissance und Barock. Da sind musikalische Gesetzmäßigkeiten zu beachten wie Struktur, Proportion und Rhythmus, Satzmelodie und Gleichklang, vielleicht sogar Symbolik der Vokale - oder ganz einfach die Frage: Wie schlage ich eine Brücke von Reimwort zu Reimwort, ohne die Aussage aus den Augen zu verlieren und ohne die Mühe spüren zu lassen? Und darüber hinaus kann (bei entsprechendem Feinschliff) durch den Reim und durch gezielte Reprisen eine Wirkung erzielt werden, die ins Magische reicht. Nur - warum schreibe ich dann auch reimlose Gedichte? Die Wege und Möglichkeiten sehen dabei zwar anders aus, doch das Geheimnis bleibt. Die Bausteine der Sprache schaffen durch eine besondere Anordnung Symbole, die geistige, in transzendente Bereiche führende Inhalte übermitteln können.
Wie dem auch sei: Dichtung ist eine herrliche Möglichkeit, Schöpfungsfreude zu empfinden und dennoch dem Rätselhaften und dem Chaos verbunden zu bleiben. Gerade die ersten Beispiele verdeutlichen aber, daß mich noch etwas motiviert: Ich spüre, daß meine Innenräume dringend einer Aufhellung bedürfen und vertausche die Fassaden - das heißt, ich lege viel Gewicht auf das Leichte und gebe dem Ernst fröhliche Kleider.
Berufung
Wie lustbetont ist das Sonettedichten!
Vor allem liebe ich die keuschen, strengen,
die meine Kunst in Vierfachreime drängen
und sich genau nach starren Regeln richten.
Bisweilen freilich bleibt man zappelnd hängen:
wie soll das Wortgestrüpp sich wieder lichten?
Da ist es gut, auf Logik zu verzichten
und einfach Sinn mit Unsinn zu vermengen.
Dadurch erzielt man ungeahnte Tiefe.
Der Leser naht der nebeldunklen Zone
voll Andacht so, als ob die Gottheit riefe.
Das schmeichelt jedem echten Musensohne.
Er neigt das Haupt, das bleiche, demutschiefe,
und fühlt: ihn schmückt die Last der Dichterkrone.
Ständchen
Ich habe etwas falsch gemacht.
Jetzt gilt es, mit der Herzensschönen
mich sehr behutsam auszusöhnen:
Ein Ständchen bring ich heute nacht.
Wie schmilzt ihr Groll, wenn sie erwacht
und zarte Liebeslieder tönen,
Trompeten schmettern, Pauken dröhnen
und ab und zu ein Böller kracht!
Hör bitte auf, den Kopf zu schütteln.
Sie braucht ein Zeichen meiner Glut,
drum ist am Ständchen nicht zu rütteln.
Mir hats mein bester Freund geraten,
der kennt mein Mädchen wirklich gut -
was heißt: du riechst ihn schon, den Braten?
Versverliebt
Wie locken mich die schönen, süßen Formen
der Dichtung. Aber sag, was lächelst du?
Ich meine das im Ernst und gebe gerne zu:
den Versfuß liebe ich und seine Normen.
Deshalb erliege ich so schnell den Reizen
von Distichon, Terzine und Sonett
und kuschle mich mit ihnen in mein Bett,
um meine Geistesflamme aufzuheizen.
Da wälze ich mich lang und voller Lust
mit meinen Büchern in den keuschen Linnen,
und mancher Seufzer quillt aus meiner Brust.
Und dennoch, meinst du, bliebe ganz tief drinnen
ein Plätzchen leer? Das ist mir schon bewußt.
Ein altes Lied. Ich will's nicht neu beginnen.
Ramlers Mythologie 1798
Der Wortgalerist
