Christina Georgina Rossetti

 

Sonette aus „Monna Innominata - A Sonnet of Sonnets“

 


 

Christina Rossetti
Christina G. Rossetti

 

 

      

      

 

Sechs Semester lang studierte ich Radio- und  Elektrotechnik, aber das war mir schließlich zu theoretisch, zumal ich inzwischen auch ein Gesangsstudium begonnen hatte. Da konnte man gut einige Sprachkenntnisse brauchen - also vollzog ich den Schwenk in Richtung Anglistik und Romanistik. Nach acht Semestern hatte ich das Dissertationsthema "Christina G. Rossetti" und eine Beschäftigung als Sprecher bei Radio Tirol.  Ein faszinierender Beruf - von der Rossetti-Lektüre verblieben immerhin einige Sonette, die ich übersetzt hatte. Diese Gedichtform hat es mir angetan. Noch immer. Zwei oder drei sind neueren Datums...

 

 

 

  

 

"Sonnets are full of love..."

Sonnets are full of love, and this my tome

Has many sonnets: so here now shall be

One sonnet more, a love sonnet, from me

To her whose heart is my heart's quiet home,

To my first Love, my Mother, on whose knee

I learnt love-lore that is not troublesome;

Whose service is my special dignity,

And she my loadstar while I go and come

And so because you love me, and because

I love you, Mother, I have woven a wreath

Of rhymes wherewith to crown your honored name:

In you not fourscore years can dim the flame

Of love, whose blessed glow transcends the laws

Of time and change and mortal life and death.

 

 

 

 

Widmungssonett

 

Sonette sind voll Liebe. Dieser Band

hat viel Sonette. Also werde hier

noch ein Sonett, ein Lied der Liebe - ihr,

in deren Herz das meine Heimat fand:

 

Der ersten Lieb, der Mutter, der am Knie

ich Liebeslehre lernte ohne Weh,

und der zu dienen reinsten Stolz verlieh;

mein Leitstern ist sie, wo ich komm und geh.

 

Und so, weil du mich liebst und weil ich dich,

o Mutter, liebe, flocht aus Versen ich

den Kranz, zu krönen deinen lieben Namen.

 

Dir machen Jahre nicht die Liebe lahmen,

und ihre Segenglut kennt nicht Gebot

von Zeit und Wechsel, Sterblichkeit und Tod.

 

 

 

2

Era già 1'ora che volge il desio. - Dante
Ricorro al tempo ch' io vi vidi prima. - Petrarca

I wish I could remember that first day,
First hour, first moment of your meeting me,
If bright or dim the season, it might be
Summer or winter for aught I can say;
So unrecorded did it slip away,
So blind was I to see and to foresee,
So dull to mark the budding of my tree
That would not blossom yet for many a May.
If only I could recollect it, such
A day of days! I let it come and go
As traceless as a thaw of bygone snow;
It seem'd to mean so little, meant so much;
If only now I could recall that touch,
First touch of hand in hand--Did one but know!


 

2

 

Ich wollt, ich wüßte noch den ersten Tag,

die erste Stunde, die dich zu mir führte.

Wars Licht, wars Dunkelheit, die uns berührte,

wars Sommer oder war es Winter, sag?

 

So unbemerkt geschah es und entschwand –

zu blind war ich im Angesicht des Traumes,

zu schwach, zu sehn das Knospen meines Baumes,

der keinen Mai seither in Blüte stand.

 

O käme mein Erinnern an ein Ziel!

Doch dieser Tag der Tage ist verweht,

wie ohne Spur der müde Schnee zergeht.

 

Es schien so wenig und wog doch so viel!

Wie war es, als dich meine Haut erfuhr,

dies erste Hand in Hand – wie war das nur?

 

7

Qui primavera sempre ed ogni frutto. - Dante
Ragionando con meco ed io con lui. - Petrarca

"Love me, for I love you"--and answer me,
"Love me, for I love you"--so shall we stand
As happy equals in the flowering land
Of love, that knows not a dividing sea.
Love builds the house on rock and not on sand,
Love laughs what while the winds rave desperately;
And who hath found love's citadel unmann'd?
And who hath held in bonds love's liberty?
My heart's a coward though my words are brave
We meet so seldom, yet we surely part
So often; there's a problem for your art!
Still I find comfort in his Book, who saith,
Though jealousy be cruel as the grave,
And death be strong, yet love is strong as death.

 

 

7

 

„Lieb mich, denn ich lieb dich!“ – Und du sag dann:

„Lieb mich, denn ich lieb dich!“ – und Hand in Hand

stehn wir beglückt und gleich im Blütenland

der Liebe, das kein Meer zertrennen kann.

 

Die Liebe baut auf Felsen, nicht auf Sand.

Die Liebe lacht, wenn sie die Sturmwut spürt:

Wer fand die Burg der Liebe unbemannt?

Und wer hat ihre Freiheit je umschnürt?

 

Mein Herz ist feig, das Wort nur unverzagt.

So selten sehn wir uns, und doch, wir scheiden

so oft. Dies Rätsel, wenn du kannst, erklär!

 

Noch find ich Trost in jenem Buch, das sagt:

Schafft Eifersucht auch wie das Grab uns Leiden -

der Tod ist stark, doch Liebe stark wie er.




8

Come dicesse a Dio: D'altro non calme. - Dante
Spero trovar pietà non che perdono. - Petrarca

"I, if I perish, perish"--Esther spake:
And bride of life or death she made her fair
In all the lustre of her perfum'd hair
And smiles that kindle longing but to slake.
She put on pomp of loveliness, to take
Her husband through his eyes at unaware;
She spread abroad her beauty for a snare,
Harmless as doves and subtle as a snake.
She trapp'd him with one mesh of silken hair,
She vanquish'd him by wisdom of her wit,
And built her people's house that it should stand:--
If I might take my life so in my hand,
And for my love to Love put up my prayer,
And for love's sake by Love be granted it!

 

 

 

8

 

"Und sterb ich auch" , sprach Esther ohne Bangen

 und ging, für Leben, Tod sich schön zu machen

als Braut: Der Prunk des Dufthaars und ihr Lachen,

entflammend (um zu löschen) das Verlangen.

 

Die Robe Liebreiz nahm sie, ihn zu fangen

durch seine Augen, die ihn schlecht bewachen,

die Schönheit warf sie aus wie Schlingen... schwachen,

harmlosen Tauben gleich und klugen Schlangen.

 

Aus einem seidnen Haar den Fallstrick drehend,

hat sie den Mann durch raschen Geist betört

und gab dem Hause ihres Volks Bestand.

 

O nähm nur ich mein Glück so in die Hand,

für meine Lieb zur einen Liebe flehend

und würd der Liebe willen ich erhört!

 


 


12

Amor, che ne la mente mi ragiona. - Dante
Amor vien nel bel viso di costei. - Petrarca

If there be any one can take my place
And make you happy whom I grieve to grieve,
Think not that I can grudge it, but believe
I do commend you to that nobler grace,
That readier wit than mine, that sweeter face;
Yea, since your riches make me rich, conceive
I too am crown'd, while bridal crowns I weave,
And thread the bridal dance with jocund pace.
For if I did not love you, it might be
That I should grudge you some one dear delight;
But since the heart is yours that was mine own,
Your pleasure is my pleasure, right my right,
Your honourable freedom makes me free,
And you companion'd I am not alone.

12

 

Wenn eine meinen Platz einnehmen kann,

dich froh zu machen, dessen Leid ich leide –

glaub nicht, daß ich dirs wehre oder neide:

ich selbst vertrau dich jener Hellern an,

 

dem schnellern Witz, dem lieberen Gesicht;

dein Reichtum, weißt du, wird auch mir zum Lohne,

die Braut zu krönen gibt mir selbst die Krone,

den Brauttanz zu bereiten macht mich licht.

 

Denn liebte ich dich nicht, es könnte sein,

daß ich der Hemmschuh deines Glückes wäre.

Doch schlägt mein Herz schon lang in deiner Brust:

 

Was du begehrst, ist mir Gesetz und Lust.

Frei bin ich, da ich deine Freiheit ehre,

und durch dein Zweisein bin ich nicht allein.

 

 

 

 


Porträt von Antonio Vivaldi
Il prete rosso - Antonio Vivaldi

   

    

       

Antonio Vivaldi – „Die vier Jahreszeiten“

 

(ins Deutsche übertragen von Oswald Köberl)

 

 

Vivaldi ist einer meiner Lieblingskomponisten, und diese frühe "Programm-Musik" habe ich  für mich entdeckt, als sie erst am Anfang ihres Siegeszugs stand. Die Stimmungen übertragen sich beim aufmerksamen Zuhören unmittelbar, dennoch freute ich mich, als ich auf meinem LP-Cover die Sonette des Komponisten entdeckte, die er seiner Komposition vorausgestellt hatte. Soviel ich inzwischen gesehen habe, finden sie sich nur  selten (wenn überhaupt) in den heutigen CD-Booklets. Jedenfalls nicht auf Deutsch. Meine Übersetzung ist schon vor ein paar Jahrzehnten entstanden, Ich gestehe, sie fiel mir angesichts der sachlichen Knappheit des Originals nicht ganz leicht....

 

                         

                   

 

                         

La primavera

 

Giunt' è la primavera e festosetti

La salutan gli augei con lieto canto,

E i fonti allo spirar de' Zeffiretti

Con dolce mormorio scorrono intanto.

 

Vengon coprendo l'aer di nero ammanto

E Lampi e Tuoni ad annunziarla eletti.

Indi, tacendo questi, gli Augeletti

Tornan di nuovo al lor canoro incanto.

 

E quindi sul fiorito ameno prato

Al caro mormorio di fronde e piante

Dorme 'l Caprar col fido cane al lato.

 

Di pastoral zampogna al suon festante

Danzan Ninfe e Pastor nel tetto amato

Di Primavera all' apparir brillante.

 

 

Frühling

 

Der Frühling läßt des Winters Kräfte schwinden,

ihn grüßen Vogelstimmen ohne Zahl,

und Bäche eilen murmelnd hin durchs Tal,

gekräuselt durch den Hauch von Zephyrwinden.

 

Schwarz hüllt der Himmel sich mit einem Mal,

und Blitz und Donner sprühn aus finstern Schlünden.

Doch bald tritt Ruhe ein - und wieder künden

die Vogellieder hell den Sonnenstrahl.

 

Und dort auf blütenbunter Wiesen Weite,

die rauschend Wald umgibt - ein grüner Kranz,

schläft nun der Hirt, den treuen Hund zur Seite.

 

Zum Schall des Dudelsacks schlingt sich der Tanz

von Nymph’ und Schäfer auf der blum’gen Breite,

und licht und lichter strahlt des Frühlings Glanz.

 


 

L' Estate

 

Sotto dura stagion dal sole accesa

Langue l' huom, langue 'l gregge, ed arde il Pino;

Scioglie il Cucco la voce, e tosto intesa

canta la Tortorella e 'l Gardinello.

 

Zeffiro dolce spira, ma contesa

Muove Borea improvvisa al suo vicino,

E piange il Pastorel, perche sospesa

Teme fiera borasca, a 'l suo destino.

 

Toglie alle membra lasse il suo riposo

Il timore de' lampi, e tuoni fieri

E di mosche, e mosconi il suol furioso!

 

Ah! che purtroppo i suoi timor son veri!

Tuona e fulmina il ciel e grandinoso

Tronca il capo alle Spiche e a' grani altieri.

 

 

 

Sommer

 

Die Sommersonne sticht vom Firmament,

ermattet Mensch und Tier, die Pinie brennt.

Da klingt des Kuckucks Ruf, in den sich licht

das Lied von Distelfink und Taube flicht.

 

Der süße Zephyr haucht, bis vehement

in seinen Kreis die rauhe Bora bricht.

Der Schäfer weint, weil er den Nordwind kennt,

und bebt und bangt vor Schicksal und Gericht.

 

Der abgespannten Glieder Schlaf verwehren

die Angst vor Donnerschlägen und das Sausen

von wilden Mücken- und Hornissenheeren.

 

Ach, wie begründet waren Furcht und Grausen!

Der Himmel droht mit Blitz und Sturmesbrausen,

und jäher Hagel mäht die stolzen Ähren. 

 


 

 

L’ Autunno

 

Celebra il Villanel con balli e canti

Del felice raccolto il bel piacere

E del liquor di Baccho accesi tanti

Finiscono col sonno il lor godere.

 

Fà che ognuno gralasci e balli e canti

L' aria che temperata dà piacere

E la stagion ch' invita tanti e tanti

D' un dolcissimo sonno a bel godere.

 

I cacciator alla nov' alba a caccia

Con corni, schioppi, e cani escono fuore:

Fugge la belva, e seguono la traccia;

 

Gia sbigottita, e lassa al gran rumore

Di schioppi e cani, ferita minaccia

Languida di fuggir, ma oppressa muore.

 

 

 

 

Herbst

 

Das Landvolk, das da tanzt und singt,

erfreut der Ernte sich in Festlichkeit.

Noch sind sie von des Bacchus Trunk beschwingt,

doch machen sie sich bald zum Schlaf bereit.

 

Daß man so leicht beschließt die Lustbarkeit,

ist durch den Atem milder Luft bedingt

und durch die angenehme Jahreszeit,

die süße Ruhe und Erquickung bringt .

 

Im Dämmer machen sich die Jäger auf

mit Hörnerschall, mit Flinten und mit Hunden.

Das Wild entflieht, doch wird es bald gefunden.

 

Vom Büchsenknall und von der Hunde Hauf'

gehetzt, ermattet schon sein rascher Lauf.

Dann endet es, geschwächt von vielen Wunden.

 

 
 

 

L'Inverno

 

Agghiacciato tremar tra nevi algenti

Al severo spirar d' orrido Vento,

Correr battendo i piedi ogni momento;

E pel soverchio gel battere i denti;

 

Passar al foco i di quieti e contenti,

mentre la pioggia fuor bagna ben cento,

Caminar sopra 'l ghiaccio, e a passo lento

Per timor di cader, girsene intenti;

 

Gir forte, sdruzziolar, cader a terra;

Di nuovo ir sopra '1 ghiaccio e correr forte

Sin ch' il ghiaccio si rompe, e si disserra;

 

Sentir uscir dalle ferrate porte

Scirocco, Borea, e tutti i Venti in guerra:

Quest' è Inverno, ma tal, che gioia apporte.

 

 

 

Winter

 

Du zitterst in des Frostes starrem Kreis,

ein kalter Wind bläst heulend dir entgegen,

und zähneklappernd stapfst du durch das Weiß,

setzt Fuß vor Fuß auf schneeverwehten Wegen.

 

Zufrieden spürt man: der Kamin ist heiß,

wenn draußen Hunderte durchnäßt der Regen,

wenn sie aus Furcht, zu stürzen, übers Eis

sich nur mit Vorsicht, zaudernd fortbewegen.

 

Doch sieh, dort gleitet einer, dreht sich, fällt –

und wieder muß er auf dem Eise weiter,

bis es zuletzt in Stücke birst, zerschellt.

 

Scirocco, Bora brechen nun als Streiter

aus ehernem Gelaß in alle Welt. -

So ist der Winter - doch gewiß auch heiter.