Der 1. Preis Silbersommer (Thema: Franziskus in unserer Zeit)

FRANZISKUS

 

        Es ist wie das Blättern in einem verstaubten Buch, das man lange vergaß. Die Augen erfassen das Wort „heilig“. Ein verschlossenes Wort, das unsere Vorstellung, unser gewohntes Denkschema nicht öffnen kann. Wir denken an das, was uns im Augenblick nützt, nicht an das, was ist. Und doch lebt irgendwo die Sehnsucht. Stimmen müßten wir verstehen, die wir zu überhören gewohnt sind. Vielleicht könnten wir dann die Wirklichkeit träumen. Einzelne Silben wehen vorüber, leise und wirr, suchen einander und ordnen sich, werden Sätze. Wovon sprechen sie?

        Aus dem Winter ist Frühling geworden, sagt die Nebelkrähe. Sie sitzt auf einem Stein am Bach, der durch die Wiese sprudelt. Bald kommt der Sommer, und danach wird es Herbst. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das ist eine Geschichte, die uns die Zeit erzählt. Sehen es die Menschen anders? – Nein, sagt der Wiesenbach, sein Wasser spritzt auf, nein, sie begreifen nur nicht immer, was sie sehen. Sie sind wie meine Wellen, die nicht verweilen wollen. Aber einmal gab es einen unter ihnen, der hat seine Augen und sein Herz geöffnet, er hat gewußt, daß wir alle Geschwister sind, nicht nur die Menschen und die Tiere, sondern auch das Wasser und das Gras, die Sonne und die Nacht. Ich habe ihn kennengelernt, weil ich ihm als Wolke und als Regen begegnet bin. Wasser geht auf vielen Wegen durch die Zeit, ehe es wieder zum kleinen Bach wird.

        Die Krähe nickt. Das ist mir nicht neu. Ich habe mich oft mit Wolken unterhalten. Wie war er, dieser Mensch?

        Fröhlich war er, sagt der Bach, der im Sonnenlicht glitzert. Wenn er mit den Leuten sprach, bekamen sie heiße Gesichter oder sie begannen zu tanzen und zu lachen und zu singen. Er hat sogar zu uns Nichtmenschen gepredigt, zur Natur, zum Wasser, zu den Pflanzen und Tieren, weil er wollte, daß die Menschen das hören, wovon wir mehr wissen als sie.

        Ist es wirklich mehr? fragt die Krähe. Wir haben es vielleicht nur nicht so verwirrt und versteckt. Es muß anstrengend sein, mit allem Geschehen um die Wette zu laufen. Da vergißt man das Lachen. Aber war dieser Mann deshalb so verständig, weil er fröhlich war? Oder machte ihn das Verstehen fröhlich?

        Ich glaube, er war wie ein Kind, das keine Grenzen kennt. Das Vertrauen, mit jedem Teil der Schöpfung verbunden zu sein, löste seine Fesseln und machte seinen Blick frei für das Wesentliche.

        Das ist schwer zu verstehen, sagt die Krähe.

        Das ist leicht zu verstehen, lacht ein Sonnenstrahl, der zugehört hat.  Aber es fällt  nicht leicht, auf die gewohnten Fesseln zu verzichten.

        Mag sein, gibt die Krähe zu. Ich wünschte mir, daß unsere Zeit Raum für einen solchen Mann hätte. Er könnte uns vieles erklären. Oder vielleicht fände er sich gar nicht mehr zurecht.

        Der Sonnenstrahl spielt ein wenig mit dem Gefieder der Krähe, bevor er antwortet: Wenn einer  liebt, weiß er den Weg. Er geht nicht in die Irre.

        Ja, sagt der Bach. Das gilt wohl auch in der modernen Welt. Es wäre schön, wenn es auch heute noch Menschen gäbe, die glühen und uns Hoffnung schenken.

        Vielleicht sind sie unter uns. Aber darf man am Straßenrand sitzen bleiben und warten, bis ein Wegweiser vorbeikommt? Sollten nicht alle Sehnsüchtigen sich einfach der eigenen Fröhlichkeit anvertrauen wie Kinder, sollten sie nicht die Liebe zur Schöpfung wie ein Feuer nähren, bis sie in ihrem Licht das Ziel ahnen?

        Die letzten Worte des Sonnenstrahls tönen schon fern.  Es beginnt zu dämmern. Am blasser werdenden Abendhimmel leuchten kleine Wolken so friedlich, als lebten nicht Millionen Menschen in Krieg, Elend und Verzweiflung. Und der Wind in den Bäumen klingt wie das Blättern in einem alten Buch.