Der zweite Preis in der Sparte Lyrik  -  Kunstpreis der Stadt Innsbruck 2008

     

 

Immer ist es ein wenig verwirrend, den verschiedenen Gesichtern eines Menschen zu begegnen, den man zu kennen glaubt. Denn meistens ist unsere Sicht eindimensional. Pro Person ein Bild, ein Avatar - oder wie auch immer - reicht für unsere Porträtsammlung. Dabei hat jeder von uns eine gewisse oder ungewisse Anzahl von Gesichtern, nicht nur eines oder zwei. Eigentlich ist das schon im Wort "Person" enthalten - die Römer bezeichneten mit "persona" die Maske des Schauspielers, die mit dem jeweiligen "Charakter" wechselte. Das, was für mich nicht wechseln soll, hat unter anderem mit der Verankerung im Humanismus zu tun. 

 

Ich liebe die Kraft strenger Gedichtformen und suche sie auf unsere Zeit anzuwenden, ich liebe den Humor, der nicht im Naheliegenden verharrt, sondern auch fernere oder tiefere Schichten erreicht. Und ich bin der festen Überzeugung, daß ich als Mensch unserer Zeit beim Nachdenken über die Gegenwart die Nahrung aus den Wurzeln brauche.  Diese Orientierung bildet ein verläßliches Fundament für das Wort und die Aussage, die Inhalte und die Form, wie sie der heutigen Wahrnehmung entsprechen.

 

Es sind nur auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Gesichter. Sie verstehen sich als Antworten einer Identität auf die Vielfalt unseres Daseins. 

 

Dr. Sepp Mall formulierte bei der Überreichung der Preise die Begründungen der Jury für den Bereich Lyrik: 

 

"Der 2. Preis geht an Oswald Köberl für seine Gedichte, welche mit großer Kunstfertigkeit tradierte Formen in heutige Poesie überführen, damit spielen und in der Befragung der Welt Haltepunkte setzen, für ein Ich, für ein Wir, Aussichtspositionen, von denen man zurückschauen kann ins eigene Leben und gleichzeitig auch weit voraus."

 
 

 

 

 

 

 

                       

Hier sind einige der von Oswald Köberl eingereichten Texte

                      

 

                      

 

               

 

 

                    

 

 

Ein nie gespürtes ein verweilen, weite

nimmt den fluss in die arme, die sonne

versandet fischerhütten und fängt die

 

begrenzung. meer heißt alles heißt auf

ufer vergessen. ich versuche ich lerne

das gehen über wellen ein schreiten:

 

nichts geringeres. sogar über wolkengerüste

das firmament zu erklimmen wäre möglich.

der fisch ist ein geheiligter name.

 

 

 

 

 

 

                    

 


Historisch gesehen und auf dem papier, das ist eine

möglichkeit, doch wir müssten das aufwachen in

betracht ziehen, den tau eines tages, oder einfach die

menschen -

 

gesang statt zahlen (statt unterdrückender schwärze

die farbe), da steht auch die not ohne abstand, der

schmerz aus dem unverrückbaren, aus verfehltem glück

         gegeneinander -

 

ein friede zuletzt: o nicht die sucht nach lauterer sahne,

nein das sehnweh nach der erde, früchte zu kosten in

hain und flur -

 

oder selbstvergessen den schatten zu trinken, als gast

der zeit, vielleicht nur eine welle vom ursprung bis zur

mündung -

 

 

 

          

 

 

 

Manchmal verwandeln sich, flammen wie

blitze, steigen im blick bewahrte bilder

auf, dann bricht aus lederstiefeln der krieg

und im absatzknall gellen die schüsse -

schwarzer rauch am himmel, flucht und

 

brennendes land - menschen sind

das gehen, gedanken kontinentweit

gewanderte und nach den vergessenen

toden, alles kehrt wieder könntest du

meinen, eingeholte flüchtlinge: aber

 

noch in den abgrund in verhallende

granaten ein geplapper leichthin, sandalen

spielen den film, flattern durch farben, das

lachen eine sekunde zurück, und es wäre

doch möglich, dass alles von neuem beginnt.

 

 

 

              

 

 

 


Schlafwärts, ohne deine bewegung, fällt

das weiß und zerstäubt, ein bogen.

nicht diese farben, in galerien verschüttet.

 

blind die brüchigen backsteinmauern entlang

tasten wir gefangene bilder, arkaden

und säulen umstellen den wellenschrei

 

einer stadt. über nacht (eine brücke) sind wir

aus der sprache geflüchtet, vergeblich –

vokale wuchern und die melodie, konsonanten.

 

sein netz über uns entfächert der tag,

incanto und unser lachen: was für

ein zauberspuk im lied des verlangens.