Haiku - oder Bildgedanken in drei Zeilen

        

 

 

Was ist ein Haiku?

             

Ja, wenn man das sagen könnte. Begonnen hat es als Kurzdichtung mit einem Augenzwinkern, und der Humor ist auch heute nicht fern, wenn man die Streitgespräche zu Stil und Inhalt verfolgt.

 

Bei einer Ostasienreise in jungen Jahren spürte ich voll Bewunderung den ganz anderen Zugang zu geistigen Inhalten, und was ich später über den Zen las und hörte, bestätigte: Der seelisch-geistige Nährboden, etwas blaß mit jahrtausendealter Tradition umschreibbar, kann nicht durch rationale Annäherung ersetzt werden.  Das Erstaunliche aber ist, daß Japanern der Zugang zu unserer Kultur wesentlich leichter fällt als uns der Versuch in umgekehrter Richtung. In ihrer Einfühlsamkeit sind sie nahe daran, das Haiku nach unseren Theorien zu erlernen...

 

Was für uns Europäer bleibt, ist die unschätzbare Herausforderung, auf Kleines zu achten und in drei Zeilen wesentliche Bilder und Gedanken zu formulieren. Wir neigen ja zu schrecklicher Langatmigkeit.

 

             

 

             

 

  

Bronze-Skulptur, 18. Jahrhundert
Daruma, Begründer des Zen

 

Eine Schale Tau

verteilt auf  das Blumenbeet

und deine Augen

 

 

 

 

 

In den Torfboden

prägt sich der Schuh. Ein Reiher

flattert aus dem Schilf.

 

 

 

 

 

Zwei rote Äpfel
auf dem Tisch. Im Sonnenstrahl
leuchtet die Wespe.

 

 

 

 

 

Dichter Nebel liegt

über dem Teich im Stadtpark.

Turmuhren schlagen.

 

 

 

 

 

 

Das offene Buch.

Fliegen summen vorüber.

Ich warte auf nichts.

 

 

 

 

 

         

 

Chinesische Schrein-Plastik
Aus einem Schrein

Die Klinge ist scharf.

Aber sie kann die Sonne

sehr freundlich spiegeln.

 

           

 

 

 

 

Ärgert dich einer,

laß ein Glöcklein erklingen,

Maulschelle genannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Steine auf dem Weg

hindern mich nicht. Ich steck sie

in meinen Rucksack.

 

 

 

 

    

 

Japanisches Stoffbild
Liebe zur Weisheit

Sprache der Seele

dunkles Schweigen der Fische

am Grund des Teiches

 

 

 

   

 

Ein Lichtstrahl traf mich.

Wie konnte er denn wissen,

wo ich versteckt war?

 

 

 

 

 

Ein Holzweg ist es.

Das weiß ich längst – und trotzdem:

ich bin ihn gewohnt.

 

 

 

 

 

 

Du trägst einen Hut?

Willst du Kostbares schützen?

Was für ein Irrtum...