Aus dem Buch "Ich sage ein uraltes Wort"

Sprecher Oswald Köberl

 

 

 

 

       

    

Ich sage ein uraltes Wort

das nichts mehr bedeutet

Man hat ihm die Kleider genommen

man hat es verkauft

 

Ich sage ein uraltes Wort

das alles bedeutet

Es hat in der Wahrheit gewohnt

und wohnt im Verrat

 

Ich sage ein uraltes Wort

das dir allein gehört

Ich habe lange die Sprache durchsucht

es gibt kein anderes Wort

 

 

                       

     

 

                  

 

     

 

 

 

 

 


 

Anders du

als der Morgenatem

in die Flut getaucht

Umrisse eines Traums

Bild eines Bildes

Anders du

als die Spur des Abends

und die vergessene Sprache

schon den Beginn umspinnt

ewiger Abschied

Anders du

als das Flammenwort der Nacht

Wer erfährt dich

ohne Tod

 

 

                                   

 

 

 

 

 

                                

Die Indigoberge kosten

an der schwarzen Schwere der Wolken.

Ich warte

auf ein paar Worte mit dir,

doch nur die Stille,

meine sagenkundige Freundin,

steigt aus dem Wald.

 

Wiesen halten den Atem an,

schattengetränkt dunkelt ihr Grün.

Ich überhöre den Donner,

weil mich das Wachsen des Grases bestürmt.

So im Schauen und Lauschen

versäume ich vielleicht deinen Anruf.

 

 

 

                                     

 

 

 

 

                                       

Alles ist Erinnerung

und war doch nie zuvor.

Wir kennen einander,

seit diese Welt erwacht ist,

und staunen:

Jeder Tag ist der erste.

Wir geben Namen

und erschaffen die Schöpfung neu.

Gestern herrschte das Nichts,

aber seit heute ist die Liebe.

Und heute ist ewig.

 

 

 

 

 

 

 

                                     

Ein Langes und Weites

ist es,

ein Tasten.

Wachsendes Warten

ohne Ort,

ohne Raum.

Aber vor dem Versiegen

ein Blitz,

in dem die Zeit

an ihr Ende gelangt.

Gelöst

aus enger Bewußtheit

dehnt sich das Sein,

schauend schwebt es

im Alleswissen,

Nacht und Sonne

verfließen im Tanz,

ehe die Uhren

wieder zu zählen beginnen.

Im Verdämmern des Sturms

ein Regenbogen,

Brücke

aus dem Erinnern

in tiefes Vergessen.

 

 

  

                                  

 

 


Der Musenkuß
Inspiration, Radierung von O. Köberl

                

 

 

                          

 

 

               

Liebessonette

 

 

Meine erste gedruckte Veröffentlichung war ein Sonett. Ich war etwa zwanzig Jahre alt, etwas mehr oder weniger,  und Melodien unbestimmter Art erfüllten mich, vielleicht kann man es Wortmusik nennen – da liegt die Form des  Sonetts nahe. Damals gab es in der größten Tageszeitung unseres Bundeslandes noch eine Literaturbeilage, die von einem anerkannten Fachmann betreut wurde und sich natürlich vorwiegend um Tiroler Autoren kümmerte – ich dachte: Einen Versuch ist es wert. Die Einsendungen durften  damals noch handgeschrieben sein, und so war das Gefühl noch erhebender, das Werk schwarz auf weiß gedruckt zu sehen.

Die meisten der folgenden Gedichte sind wenige Jahre danach entstanden.

 

 

 

 

 

    

 

 

 

Mir sind die Türen fremd, durch die du gehst,

die Wiesen deines Lebens sind mir unbekannt,

denn unsre Güter stehen fern, nicht Rand an Rand,

und andre sind’s, wenn du nach Freunden spähst.

 

Soll ich die Winde rufen: kommt und lest

die Frucht der Abendglocken auf in ihrem Land

und bringt den Frieden, den ihr Schweigen fand?

O kurzer Traum, der halbgeträumt verwest.

 

Denn was uns scheidet, findet keine Brücke,

und niemals hätten wir den Weg zu gehn vermocht.

Die Zeit verfliegt. Die Herzen folgen an der Krücke.

 

So brennen beide Leben an verschiednem Docht,

vom ganzen Klange zwei getrennte Stücke,

und nur mein Lied ist’s, das die Trennung überjocht.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich sprach mit dir. Noch wahre ich die Farben,

in denen jeder Augenblick erblühte:

ein kleiner Garten Glückes, den ich hüte,

wenn rings die andern Blumen starben.

 

Denn sieh, der Sommer bindet schon die Garben,

er, der wie du im Abschied sich verfrühte.

Da lebt dein Wort in mir, ich weiß die Güte

in seinem Klang und finde Kraft zum Darben.

 

Und doch ist’s oft, als sei die Seele taub,

als hätte jeden Laut ein blinder Rechen

mir fortgerafft wie winterwelkes Laub.

 

Dann möchte ich zu dir gehn, mit dir sprechen

und – hingespannt zu Ewigkeit und Staub –

dir lauschen, lauschen ohne Unterbrechen.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzes Wiedersehen

 

Ein jedes Wort ist fremd. So lang gestaut,

so lang verhalten war das ganze Denken

für diesen Augenblick, auf dieses Schenken

des kurzen Wiedersehens ganz gebaut.

 

Und nun ist alles, alles viel zu laut.

„Wie war die Fahrt?...“ O wie die  ungelenken

Gespräche suchen und sich wieder senken,

erstarrt in einem Winter, der nicht taut.

 

Zu früh die Trennung. Nur die Augen zeigen,

was alles innen wartet, hofft und sehnt

und schreien möchte in das schwere Schweigen...

 

„Leb wohl!“ – Noch einmal, Hand in Hand gelehnt,

der letzte Gruß. Ein Heimweg in das Neigen

der Schatten, die der frühe Abend dehnt.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Die Flöte tönt

 

Hör, wie die süße Frühlingsflöte tönt –

o kleiner Schelm, du lockend leiser Faun:

du weckst uns auf, du führst uns an den Zaun –

sei still, denn dieser Weg ist fremd, verpönt.

 

O ich versteh, daß uns dein Flöten höhnt,

wir hätten Furcht, dein wildes Reich zu schau’n.

Verführend flüsterst du mir: sieh und staun‘,

tauch in die Flut, die dich im Trunk verschönt!

 

O Frau und Flut, o Wohlgeschmack der Seele,

Geschmack des Leibes, den das Träumen weiß –

die Adern fühlen dich wie dürstende Kanäle.

 

Der Faun fängt uns in seinen Zauberkreis,

daß ungezähmt sich Rausch mit Rausch vermähle –

o Flut und Feuer, sengend kühl und heiß!

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Die Sehnsucht

 

Die Sehnsucht läuft durch Wald und weiches Gras,

ein scheues Tier – mag sein, sie ist ein Reh –

sie sucht und sucht und klimmt zu Berg und Schnee

und sieht die Ferne wie ein blaues Glas.

 

Die Trennung überfällt sie ohne Maß:

O nirgends du, und nichts als schwarzes Weh –

o tiefe  Irrnis, die die Scheue jäh

zum Tiger wandelt, blind in Gier nach Fraß!

 

O still, verzeih, daß sie sich so vergaß –

und wieder nein: du mußt ihr nicht verzeih’n.

Es saugt an ihr, daß du so ferne bist.

 

Laß sie nur erst an deinem Herzschlag sein,

dann sieh das wilde Tier, das Menschen frißt:

es schmiegt sich in dein Schauen, sanft und klein.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

Addiere Herz zu herz – das gibt nicht zwei

(wie eins und eins): Dem Ich wächst mit dem Du

ein Zehnfaches an Kraft und Fühlen zu,

und das macht elf. Mein Elflein, ach verzeih,

 

ich hab noch mehr von solcher Rechnerei:

Die Elf ist Primzahl (danach geb‘ ich Ruh),

et ca veut dire, en somme, surtout,

daß Herz zu Herz gezählt unteilbar sei.

 

Elf ist im Lebensrad das vorbestimmte Mal,

wo je ein Augenblick Besond’res meint,

und du wirst sehen: treu bleibt diese Zahl.

 

Sie steigt zum Mittag, wenn die Sonne scheint,

und führt vor Mitternacht den Mond ins Tal,

wenn einsam Einser sich dem Einser eint.

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Ein kleines Heim für Heimlichkeiten erträume

ich uns, nun da die Kälte näherrückt.

Das Glück, das unser war, macht mich bedrückt,

das Rasenbett im Zimmer stiller Bäume.

 

Schon haben viele Blätter goldne Säume

und zittern vor dem Herbststurm, der sie pflückt.

Dann steht das Haus der Liebe ungeschmückt,

und nur der Frost bewohnt die leeren Räume.

 

Doch ER, der Lilien des Feldes kleidet,

der keinen schwachen Sperling stürzen läßt

und der die schnell verirrten Lämmer weidet,

 

ER hält auch uns in seiner Gnade fest.

Wiewohl der Winter uns die Wärme neidet –

ich weiß: Gott baut den Liebenden ein Nest.

 

 


 

 

 

Frau mit Lilie
Lilie - Radierung von O. Köberl