Tierisches

 

  

 

 

 

Rabe und sein Autor
Ein Bild der Weisheit

  

 

Die weisen Raben

 

Ein Rabenschwarm zieht krächzend seine Kreise

und taumelt dann in einen kahlen Baum.

Das letzte Licht löst sich vom Wolkenschaum

und dient dem grauen Schattenwolf als Speise.

 

Ich denke an die Raben, die ich leise

noch plaudern höre wie aus fernem Raum...

allmählich gleite ich in Schlaf und Traum...

man sollte sie verstehen. Sie sind weise.

 

Und plötzlich seh ich schwärzliches Gefieder –

ein Rabe flattert um mein Bett herum

und läßt sich auf der Polsterlehne nieder!

 

Da sitzt er eine Weile, blickt nur stumm,

dann aber spricht er, ich gebs nicht gern wieder,

er sagt: „Ach Gott, die Menschen sind so dumm.“

 

 

    

 

 

 

 

 

Hühner aus einem alten Buch

Das Wunderhuhn

 

Es grast ein junges Huhn am Straßenrand –

du wendest ein: ein Huhn, das grase nicht?

Das weiß ich ja. Es grast nur im Gedicht

und außerdem in einem fernen Land

 

(da wohnt das Huhn, ganz nah am Strand).

Und wie gesagt, es grast vergnügt und spricht:

"Wie liebe ich des Südens klares Licht,

des Meeres Rauschen und den vielen Sand!"

 

So schwärmt am Straßenrand das Huhn. Indessen

kommt jäh ein Autofahrer angerast,

der fährt es tot und brät sich's dann zum Essen.

 

Ja, ganz im Ernst. Ich habe nicht gespaßt.

Nur leider hat man es verdrängt, vergessen -

das Wunderhuhn, das sprechen kann und grast.

 

 

 

Putto reitet auf einer Schnecke
Putto auf einer Schnecke

Die Schnecke

 

Ist es nicht dies, was wir uns stets erträumen:

Wie sie zu sein in ihrem Ebenmaß

und - nah den Blumen und im grünen Gras –

uns nur zu freuen, daß wir nichts versäumen.

 

Sie ruht sich aus im Schatten unter Bäumen

und hat ein Haus, wie es kein Fürst besaß:

Es glänzt wie Porzellan und edles Glas,

und nie - bedenk es - braucht sie aufzuräumen,

 

Gib es doch zu, von Pflicht zu Pflicht zu eilen,

den Streß des Alltags hast du längst schon satt.

Vielleicht kann dich dein nächstes Leben heilen.

 

Als Schnecke neugeboren, friedlich matt,

darfst du dann stets in deinem Haus verweilen,

und ab und zu naschst du ein süßes Blatt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleiner Bär, Keramik
Keramik von Oswald Köberl

 

Der Bär

(frei nach dem Riga-Tiger)

 

Ein Mädchen aus Znojmo in Mähren

ritt kühn auf dem wildesten Bären.

Das gefiel ihr nicht schlecht –

und dem Bären erst recht.

Er konnte noch lang davon zehren.

 

 

 

 

Gefahr im Verzug

 

Hans Friedemann hörte am Niger

ein Fauchen. So fauchen nur Tiger.

Weil die da nicht leben,

begriff er mit Beben:

Es war die Frau Mutter. Die Schwieger.

Bär - aus einem alten Lehrbuch
Aus einem "Buch der Tierwelt"

 

 

 

   

 

 

  

Das Glück und der Bär

 

Was ist das Glück? Es sei, so sagt man, rund.

So wie die Welt, nach neuestem Befund.

Und rund ist auch der Bauch von manchem Bären.

Auf solche Weise ließe sich erklären,

das Glück sei wie ein weiter Hosenbund.

 

Zu äußerlich? Dann schau nur in den Schlund

von einem Bären. Scheint dir nicht gesund,

sich so wie er von Süßem zu ernähren?

Was ist das Glück?

 

Machs doch wie er, schleck dir die Zunge wund

an süßen Honigspeisen, Pfund um Pfund.

Nein, nicht zu viel, sonst fängt es an zu gären.

Das rechte Glück muß sich im Maß bewähren,

sonst kommt sogar ein Bär noch auf den Hund.

Was ist das Glück...

 

 

 

 

 

 

    

Höllischer Pudel
Unheimlicher Pudel

Auf den Hund gekommen

 

Schweig mir von Pudeln! Ach, du streichelst gern

die schwarzen Locken? Läßt es an der Leine zerrn,

das liebe Hündchen, magst es, wenn es dreist

ein Häufchen auf die Straße... du verzeihst:

es wäre gut, den Köter einzusperrn.

 

Du meinst, ein Pudel gelte als modern,

und das hier sei dein schwarzer Augenstern,

ein gutes Tierchen, das nicht kratzt und beißt?

Schweig mir von Pudeln!

 

Du kennst nur allzu gut den feinen Herrn,

der plötzlich auftaucht als des Pudels Kern,

und weißt wohl auch, daß er Mephisto heißt.

Das liebe Hündchen ist ein übler Geist,

und davon hält man sich am besten fern.

Schweig mir von Pudeln!

 

 

 

 

 

  

 

 

     

Der Gourmet-Reiher

 

Hast du mir das erzählt? Von einem Reiher?

Aus Franken kam er, war ein halber Bayer

und außerdem Gourmet und wählerisch -

das hab ich mir notiert auf diesem Wisch.

Und immer hörte man dieselbe Leier.

 

Er sagte – ich zitiere etwas freier:

Für seinen Gaumen taugten keine Eier.

Am liebsten speise er gebratnen Fisch.

Hast du mir das erzählt?

 

Sein Domizil war ein versteckter Weiher,

und jede Mahlzeit machte er zur Feier –

fünf Kerzen brannten auf dem Mittagstisch,

und Fisch, den gab es hier ja täglich frisch.

Jedoch – wie briet er ihn, womit, zum Geier?

Hast du mir das erzählt?

 

    

 

 

 

  

Krokodil aus einem alten Lehrbuch

  

 

Von Krokodilen

 

Ein liebes Tier – du findest es im Nil.

Allein der Reim verrät das Krokodil.

Mit gutem Grunde pflegte man’s zu haschen.

Weil es so wild ist? Nein. Man machte Taschen

aus seiner Haut und man verdiente viel.

 

Doch andrerseits, seit eh und je gefiel

dem Krokodil (nicht nur am Nil) das Spiel,

die armen Badenden zu überraschen.

Ein liebes Tier...

 

Am schönsten ist die Mischform: Ein Reptil

in menschlicher Gestalt. Sie hat das Ziel,

beinahe wörtlich Menschenfleisch zu naschen

und stets die Hand in Unschuld sich zu waschen.

Die Haut wird abgezogen, doch mit Stil.

Ein liebes Tier...

 

 

 

 

 

  

 

 

Meduse - Grafik aus altem Buch

 

Quallenrondeau

 

O diese Quallen!  Ja, sie legen Fallen,

und sieh nur, wie sie ihre Fäuste ballen!

Sie taumeln in den Fluten hin und her,

es sprühen Wellen und es schäumt das Meer,

wenn sie betrunken ihre Reime lallen.

 

Balladen sinds, die aus der Tiefe schallen

und zwischen Möwen auf die Riffe prallen –

doch wer vernimmt sie, wer versteht sie, wer?

O diese Quallen!

 

Nur manchmal, wenn sie durch  die Meereshallen,

mit Schmuck behängt, in teuren Kleidern wallen,

bestaunt sie scheuen Flossenschlags ein Heer

von Haien, kommt in Stimmung, mehr und mehr,

schafft Sekt herbei und läßt die Korken knallen.

O diese Quallen!

 

 

 

 

Bronze Lamm
Lämmchen aus Bronze

Schäfchenrondeau

 

Zwei Wolkenschäfchen, zart wie weiße Seide,

seh ich am Himmel droben auf der Weide.

Da schweben sie dahin und – schau nur, schau! –

sie knabbern stillvergnügt vom frischen Blau.

O wie ich sie um ihre Kost beneide!

 

Sie gönnen gern die Lüneburger Heide

den andern Schafen, gern auch Rügens Kreide

und Amrum, fern im nebeligen Grau...

Zwei Wolkenschäfchen...

 

Betrachte die Idylle und entscheide:

Wär das kein schönes Leben für uns beide?

Ach nein, ich weiß. Du denkst real als Frau

und deine Antwort kenne ich genau:

Die ganze Zeit nur in dem weißen Kleide?

Zwei Wolkenschäfchen...

 

 

 

 

 

 

Der Trompetengeier

 

Ich träume wirres Zeug: Da fliegt ein Geier,

nicht deutlich, hinter einem Wolkenschleier,

und bläst Trompete  - was für ein Getute!

Wozu, warum? Was will er denn, der Gute?

Warum spielt er nicht – sagen wir mal – Leier?

 

Jetzt landet er an einem kleinen Weiher

und weckt mit seinem Lärmen einen Reiher,

der still und ahnungslos im Schilfe ruhte.

Ich träume wirres Zeug.

 

Der Geier stellt sich vor: „Ich heiße Meier

und übe, wie du hörst, für eine Feier.

Das Feiern, weißt du, liegt bei mir im Blute.“

Doch – sagt er – nun sei’s Zeit, daß er sich spute.

Er male schnell noch ein paar Weihnachtseier.

Ich träume wirres Zeug.

 

      

 

      

 

      

Elefant - alte Illustration

Elefant und Base

 

Ein Elefant – er liebte Porzellan –

trat kürzlich in den Laden meiner Base.

„Ich suche“, sprach er, „eine Vase,

im Glanz und auch im Farbton wie mein Zahn.

 

Nein, nicht für Blumen. Nur für Lebertran.“

Dabei schlang er um sie die Rüsselnase.

Das brachte sie beinahe in Ekstase.

„Und so was schmeckt dir? Ach du lieber Schwan!“

 

Er aber schüttelte das Haupt und sprach:

„Du irrst. Ein Schwan hat nicht so dicke Waden.“

Da lachten beide, hüpften durch den Laden

 

und spielten Fangen, wobei nach und nach

das ganze schöne Porzellan zerbrach.

Ganz wie erwartet. Doch wer zahlt den Schaden?

 

 

 

 

 

  

Specht mit Folgen

 

Rondeau

Der arme Dichter. Ach, er ist nur Knecht
des Reims. Zum Beispiel war da dieser Specht,
den hörte er – tacktack - an Bäume klopfen
und wollte Watte in die Ohren stopfen -
kein schöner Jambus, nein, es klang nicht recht...

Doch unerwartet fing sich im Geflecht
der Reimgedanken – was denn wohl – ein Hecht.
Ein Specht mit Hecht.. Das galt es auszukopfen....
Der arme Dichter.

In seinem Hirn brach grausam ein Gefecht
um Sinn und Unsinn aus, ihm wurde schlecht.
Er suchte Trost beim Saft aus Malz und Hopfen
Umsonst. Dann folgten ziemlich starke Tropfen,
und schließlich schlief er ein, enorm bezecht.
Der arme Dichter...

 

 

 

  

 

Die Schöne und das Biest
O. Köberl: Die Schöne und das Biest

 

Das Untier

 

Still ruht der See – nicht ganz, weil Donner krachen,

und nachtgeschwärztes Wasser glänzt im Schein

der Blitze. Nein, es könnte schlimmer sein.

Ich fühle mich recht wohl in meinem Nachen.

 

Und hoffentlich entdecke ich den Drachen

mit einem Rachen, nicht gerade klein.

Den gibts. Drauf schwören Kenner Stein und Bein.

Er soll gern baden. Nur nicht drüber lachen!

 

Auch von Loch Ness erzählt man solche Sachen.

Doch hat das Vieh hier nichts damit zu tun,

und dafür will es mich zum Zeugen machen.

 

Im grellen Blitzgeflacker zeigt sichs nun -

o wärs ein Traum, dann könnte ich erwachen:

halb ists ein Frosch und halb ein Riesenhuhn...

 

 

 

 

 

       


Nashorn

 

Der letzte Walzer

 

Ein Walzer durchwehte das Schloß –

da drehte sich wiegend im Tanze

und wedelte mit seinem Schwanze

ein dickes Rhinozeros.

 

Wie sehr es das Tanzen genoß!

Der Festsaal erstrahlte im Glanze,

und schrecklich erbebte das ganze

erleuchtete Obergeschoß.

 

Doch plötzlich verstummten die Lieder,

und krachend brachen das Tor

und alles Mauerwerk nieder.

 

Das Tierchen kroch drunter hervor

und kratzte sich lächelnd am Ohr:

"Das mache ich sicher bald wieder."

 

 

  

 

   

 

   

 

Meine Lieblingsmärchen...

 

Komm, erzähl mir von den sieben Schwaben,

lebten die nicht hinter sieben Bergen?

Oder waren das die sieben Raben?

Nein, ich meine doch: die sieben Schwaben.

 

Diese wollten sieben Geißlein haben,

und die wohnten bei den sieben Zwergen...

Sag doch - wie war's mit den sieben Schwaben,

Zwergen, Raben hinter sieben Bergen?

 

 

 

 

  

 

 

Reh - aus den Fliegenden Blättern

   

 

 

 

Miniballade 

       

Auf einem blauen Alpensee
begann ein Segelboot zu kreuzen.
Des Käptens Stimme schallte: "Ree!"
(zur Wende auf dem blauen See)...

Am Ufer hörte das ein Reh,
ein braves - ach, ich muß mich schneuzen!
Es folgte und ertrank im See.
Nie wieder wird der Käpten kreuzen.